Musik als Muttersprache

Nach den vielen regnerischen Tagen setzte zum Wochenbeginn endlich wieder besseres Wetter ein. Obwohl der Boden noch feucht und weich war, sah man auf der Wiese neben der Schule eine Gruppe von Jungen, die dabei waren, mit kurzen Stöckern zwei Tore abzustecken, um Fußball zu spielen. Nachdem man sich über die Größe der Tore und die Spielfeldlänge geeinigt hatte, begann man, die Mannschaften einzuteilen. Nach kurzer Zeit stellte man fest, daß die Mannschaften nicht gleich groß werden würden, da es 11 Spieler waren. Einer der Jungen zeigte mit dem Finger in Richtung Straße und sagte: "Da kommt Jonas, vielleicht spielt er mit?" Ein anderer bemerkte gleich: "Siehste nicht, daß der seine Geige dabei hat? Der muß doch wieder zur Geigenstunde in die Schule zum alten Leopold. Außerdem kannste den doch noch nicht mal ins Tor stellen. Statt den Ball zu fangen, kriegt er den an seine weiche Birne und dann is seine Brille wieder hin."

Szenenwechsel:
Maria, Inga, Anne und Konstanze gehen gemeinsam von der Schule nach Hause. Wie immer überlegen die vier Freundinnen, was sie heute Nachmittag unternehmen könnten. Maria und Anne schlagen gleich vor, wieder ins Schwimmbad zu gehen. Inga ist dagegen: "Da waren wir doch schon die letzen drei Tage. Ich finde, wir sollten endlich mal wieder ins Kino gehen". "Nee, dafür reicht mein Geld nicht", erwidert Anne. Konstanze erklärt:"Ich würde dich ja einladen, aber ihr wißt ja, meine Eltern geben heute einen kleinen Empfang, auf dem ich Klavier spielen darf". "Da hört der Klavierprofessor vom Konservatorium zu", fügt sie mit wichtiger Stimme hinzu.

Diese beiden Szenen sind bewußt überspitzt dargestellt und scheinen nicht mehr so recht in unsere Zeit zu passen. Dennoch ist es lohnend, zwischen den Zeilen zu lesen, da sich hinter diesen Bildern Auffassungen verbergen, die noch immer unser heutiges Musikverständnis beeinflussen. Der arme Paul kann einem ja auch leid tun. Statt mit den anderen Jungs seine freie Zeit mit Spielen zu verbringen, muß er fleißig sein. Musik ist hier kein Vergnügen, mit dem ein Kind seine Freizeit gestaltet, sondern eine besondere Begabung, ja fast ein Schicksal. Der Geige spielende Junge steht außerhalb der ›normalen‹ Lebensführung. Seine musikalische Begabung, die einfach vorausgesetzt wird, wenn jemand ein Instrument erlernt, stempelt ihn zum Außenseiter. Auch wenn man diese Begabung insgeheim noch bewundern kann, so ist doch das viele Üben zu beklagen. Musik machen wird als hartes geduldiges Lernen aufgefaßt, daß den Kindern ein Teil der Freizeit nimmt, wo doch die Kinder schon genug für die Schule machen müssen.
Im Fall von Konstanze liegt der Fall anders. Hier nimmt die Musik einen elitären Charakter an. Musik scheint einer bestimmten sozialen Schicht zugeordnet zu sein, deren Eltern sich die teure musikalische Ausbildung ihrer Tochter leisten können. Musik dient hier als Prestigeobjekt, mit dem sich ein bestimmter gesellschaftlicher Stellenwert verbindet. Erkennbar ist hier ein Rest des emanzipatorischen Ideals eines Bürgertums, das sich durch die Etablierung einer neuen Wertsphäre vom Adel abzusetzen versuchte. Wenn auch kaum zu übersehen ist, daß dieses emanzipatorische Potential in unseren Tagen mehr als ausgehöhlt ist, verdeutlicht das Beispiel Konstanze einen nicht unwesentlichen Aspekt. Die Beschäftigung mit Musik ist in einem nicht zu unterschätzenden Grad vom Elternhaus abhängig. Der Stellenwert von Musik im täglichen Leben der Familie entscheidet darüber, in welcher Art und Weise sich Kinder mit Musik auseinandersetzen.
Die unterschiedlichen Aspekte, aus denen sich unser Musikverständnis zusammensetzt, läßt sich in der Person von W. A. Mozart fokussieren. Daran läßt sich in besonderer Weise der Bedeutungswandel einzelner Aspekte im historischen Prozeß verdeutlichen. Unser heutiges Mozartbild ist durch die Genieästhetik des 19. Jahrhunderts geprägt, die Mozarts Musik losgelöst von seiner Persönlichkeit glorifiziert. Zu Mozarts Zeit war die Sachlage eine andere. Mozart wurde zwar als Wunderkind von Hof zu Hof gereicht, doch das Interesse des Adels an Mozart beruhte nicht auf seiner musikalische Begabung an sich. Gefeiert wurde Mozart, weil er als Kind Musik machen konnte wie ein Erwachsener. Nur im Vergleich der Altersstufen wurde Mozart beim Adel gefeiert. Es ging dabei vordergründig nicht um seine besondere Musikalität und folgerichtig sank Mozarts Popularität mit steigendem Alter. Musik wird hier in erster Linie als eine Art Handwerk verstanden, das man mehr oder weniger gut ausführen kann. In diesem Sinne hat Mozarts Vater auch seinen Sohn musikalisch ausgebildet, um ihn auf einen späteren Beruf vorzubereiten. Insofern ist es als besondere Fügung anzusehen, daß bei Mozart eine überdurchschnittliche Musikalität und ein musikalisch geprägtes Elternhaus zusammentreffen. Was wäre aus Mozart geworden, wenn sein Vater nicht Musiker, sondern Schuhmacher gewesen wäre? Eine zwar hypothetische, aber nicht ganz unberechtigte Frage. Jedenfalls ist es keineswegs sicher, daß sich Mozarts Musikalität auch ohne sein spezifisches Elternhaus durchgesetzt hätte.
Die familiäre Konstellation im Hause Mozart kann und soll natürlich kein Maßstab für unser heutiges Zusammenleben bieten. Sicherlich ist nicht zu erwarten, daß Eltern ein Instrument beherrschen, um ihren Kindern ein lebendiges Bild von Musik zu vermitteln. Eine positive Tendenz wäre schon darin zu sehen, wenn die völlige Passivität gegenüber dem Bereich Musik aufgegeben werden würde. Das beginnt schon beim Kaufverhalten. Statt im Kaufhaus oder dem Supermarkt irgendeine billig produzierte Kinderkassette zu kaufen, kann man sich in einer Musikalienhandlung fachgerecht informieren lassen. Eine gute Orientierungsmöglichkeit bietet der vom Verband deutscher Musikschulen seit 1997 alle zwei Jahre ausgeschriebene Medienpreis LEOPOLD. Dort werden speziell für Kinder gefertigte Tonträger ausgezeichnet und empfohlen.
Allerdings sollte man nicht beim Hören stehenbleiben. Auch wenn kein Instrument im Haushalt zur Verfügung steht, kann man mit relativ wenig Aufwand eine Menge erreichen. Warum nicht Basteln und Musik verbinden? Papier mit viel Kleister um einen aufgeblasenen Luftballon geklebt ergibt einen guten Resonanzkörper für eine Trommel. Drei große dicke Eisennägel mit Gummibändern verbinden, und die Triangel ist fertig. Schon kann die Jagd nach Klängen losgehen: Wie stampft der Elefant oder trippelt die Maus, wie klingt Donner oder Regen. So einfach kann man den Kindern die musikalischen Grundlagen schnell-langsam, hoch-tief und laut-leise spielerisch ermitteln. Außerdem muß es ja auch nicht gleich ein Klavier sein. Ein vernünftiges Glockenspiel reicht aus, um eine Vielzahl von Liedern zu spielen oder einfach nur den Zusammenklang von Tönen auszuprobieren. Sieht man sich die überhäuften Gabentische der Kinder zu Weihnachten an, kann man in vielen Fällen sicher nicht mit fehlendem Geld für ein Glockenspiel argumentieren.
Das wichtigste Potential, was die Eltern einzusetzen haben, ist Zeit, die sich in unserer leistungsorientierten Gesellschaft insbesondere für Kinder immer weniger genommen wird. Dieses Defizit läßt sich auch nicht ausgleichen, indem man die Förderung seiner Kinder außerhalb der Familie arrangiert. Eine gute musikalische Früherziehung, zumal durch eine ausgebildete Fachkraft an einer Jugendmusikschule, ist in jedem Fall zu begrüßen, kann aber nicht als Ersatz für den familiären Lebensraum eintreten. Beklemmend wirken die Szenen, wenn ein Kind mit unglücklicher Miene sich weigert, an der Musikstunde teilzunehmen, und Mutter oder Vater nach kurzen glücklosen Überredungsversuchen mit dem Kind wieder nach Hause gehen. Die Unlust des Kindes damit zu erklären, daß es eben Kinder gibt, die keinen ›Draht‹ zur Musik haben, greift in den meisten Fällen zu kurz. Liegt es nicht vielmehr daran, daß die Eltern lediglich eine sachliche Entscheidung getroffen haben, ihr Kind musikalisch zu fördern, ohne einen Bezugsrahmen im täglichen Leben bereitzustellen? Überspitzt formuliert: Wie soll ein Kind dem wöchentlichen Besuch in der Musikschule Lust abgewinnen, wenn sich im Familienleben die Beschäftigung mit Musik auf das Einschalten des CD-Players beschränkt.
Nun kann man sich natürlich die grundsätzliche Frage stellen, warum der Musik überhaupt eine so große Bedeutung beigemessen werden soll. Schließlich nimmt Musik in unserem Leben eher eine kleine Rolle ein und dient vor allem zum Entspannen und Abschalten nach einem kräftezehrenden Alltag. Erkennt man allerdings, welchen Rang Musik bei der individuellen Entwicklung von Kindern einnehmen kann, ergibt sich ein anderer Blickwinkel. Im Umgang mit Musik treffen sensorische, psychologische, motorische und soziale Grundbedürfnisse aufeinander, die sich fördernd auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern auswirken. Es geht somit in erster Linie nicht um eine möglichst frühe musikalische Ausbildung der Kinder, sondern um eine ganzheitliche Förderung. Auf der einen Seite werden individuelle Aspekte angesprochen: Phantasie wird geweckt, Mut gemacht, seine eigenen Sinne einzusetzen oder die Wahrnehmung des Körpers gestärkt. Auf der anderen Seite werden diese schöpferischen Elemente in Interaktionsformen erfahren, die die soziale Kompetenz beanspruchen: andere Kinder wahrnehmen und akzeptieren, Reihenfolgen in der Gruppe einhalten, aber auch aufeinander reagieren und sich verantwortlich fühlen.
Zahlreiche Untersuchungen haben inzwischen die fördernde Wirkung von Musik bestätigt. So konnte nachgewiesen werden, daß Kinder, die sich regelmäßig mit Musik beschäftigen, ein stärkeres räumliches Vorstellungsvermögen entwickeln und bessere mathematische Fähigkeiten besitzen. Auch die Merkfähigkeit scheint sich durch Musik zu erhöhen. Jedenfalls waren Kinder mit Instrumentalunterricht beim Vokabeln lernen gegenüber den Kindern ohne Umgang mit Musik deutlich im Vorteil. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen, es geht nicht darum, Musik als Patentrezept aufzufassen, mit dem Eltern die Leistungsfähigkeit ihrer Kinder steuern können. Musik ist hingegen als ein menschliches Grundbedürfnis aufzufassen, das in vielschichtiger Art und Weise zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt. Sicherlich sind Menschen mit musikalischer Bildung nicht per se auch gute Menschen. Doch kann man damit die Hoffnung verknüpfen, daß mit Musik ein offenes und kommunikatives Naturell verbunden ist, das humanen Umgangsweisen verpflichtet ist. Insofern kann man Musik, insbesondere für Kinder, zum Menschenrecht erklären.
Die integrative Kraft von Musik läßt sich in besonderer Weise am Beispiel des Nationalen Kinderorchesters von Venezuela verdeutlichen, das sich aus den talentiertesten Musikern der Venezolanischen Jugendorchesterbewegung zusammensetzt. Die jeweiligen Musikschulen mit ihren Orchestern bilden größtenteils für Kinder und Jugendliche armer Familien eine Anlaufstelle, wo sie, neben der Möglichkeit Musik zu machen, vor allem auch etwas zu essen bekommen. Die Verbindung von Kulturarbeit und Sozialarbeit bietet den Kindern die Chance, dem Kreislauf von Armut, Gewalt und Drogen zu entkommen und mit dem Gefühl von Solidarität und Geborgenheit eine positive Lebensperspektive aufzubauen. Über diesen sozialen Aspekt hinaus zeigt dieses Modell ein unverkrampftes Musikverständnis, das wir als Westeuropäer nur bestaunen können. Zum einen wird hier deutlich, daß Musik nicht einer sozial gehobenen Schicht vorbehalten ist. Zum anderen zeigt sich eine unbeschwerte Auffassung von Instrumentalunterricht. Bei den Kindern wird nicht nach einer möglichen besonderen musikalischen Begabung gefragt. Jedem Kind wird ein Instrument in die Hand gedrückt, wobei von Anfang an schon in kleineren Gruppen musiziert wird. Nicht, daß das Nationale Kinderorchester Venezuelas den internationalen Vergleich nicht scheuen muß, ist bemerkenswert, sondern mit welcher Spielfreude die Musiker im Konzert bei der Sache sind. Und dieses Gefühl überträgt sich schnell auf das Publikum.
In einem klassischen Konzert ist die Atmosphäre zwischen Künstlern und Publikum eher distanziert. Den Anspruch, einem erstrangigen Kunsterlebnis beizuwohnen, scheint man mit entsprechender Demut bekräftigen zu wollen. Ein Konzertbesuch dieser Form dient mehr der Ausstellung des eigenen Kulturanspruchs als der konkreten Auseinandersetzung mit der Musik. Allein schon aus diesem Grund ist Kindern ein solcher Konzertbesuch nicht zuzumuten. Darüber hinaus weisen diese Konzertprogramme sowohl durch ihre zeitlichen Dimensionen als auch durch ihre Werkauswahl einen Rahmen auf, der die Aufnahmefähigkeit von Kindern schnell überfordert. Diesen Defiziten entgegenzuwirken, hat sich die Initiative "Konzerte für Kinder" unter Führung der Jeunesses Musicales Deutschland (JMD) zum Ziel gesetzt. Dabei soll nicht nur eine quantitative Verbesserung von Kinderkonzerten erreicht werden, sondern ein umfassendes Konzept entwickelt werden, das die spezifischen Probleme von Kinderkonzerten behandelt. Am Ende der Initiative soll ein Praxishandbuch "Konzerte für Kinder" herausgegeben werden, um konkrete Hilfen bei der Planung von Kinderkonzerten bereitzustellen. In diesem Rahmen soll eine breite Palette von Konzertformen berücksichtigt werden. Neben traditionellen Konzerten mit Orchestern und Familienkonzerten, sollen insbesondere auch neue Konzertformen erprobt werden, wie "Mitmachkonzerte" mit Kompositionen von Kindern oder Konzerte für Kinder unter Einbeziehung anderer Künste. Natürlich bezieht das Projekt auch Kinderkonzerte mit Rock-/Pop-Programmen oder zeitgenössischer Musik mit ein.
Neben vielen äußeren Umständen wie Raumwahl oder Bestuhlung ist der Erfolg von Kinderkonzerten von der gespielten Musik und ihrer Vermittlung abhängig. Ein junges Publikum wäre sicherlich überfordert, einen klassischen Symphoniesatz hörend nachzuvollziehen, selbst wenn ein guter Moderator Erläuterungen zur Musik erteilt. Es sollte gerade nicht darum gehen, den Kindern von oben herab ein Fachwissen zu vermitteln, sondern ein Erlebnis zu ermöglichen, das die Gefühle der Kinder anspricht. Durch emotionale Bindung wird ein Konzert zur intensiven Erfahrung, die eine nachhaltige Wirkung bei den Kindern erzielen kann.
Als ein Klassiker der Kindermusik gilt das 1936 komponierte Stück "Peter und der Wolf - eine musikalische Geschichte für Kinder" op.67 des russischen Komponisten Sergej Prokofjew (1891-1953). Zur Komposition angeregt wurde Prokofjew durch die Leiterin des ersten Moskauer Kindertheaters Natalja Saz. Nach mehreren Besuchen im Kindertheater überzeugte Saz den Komponisten zur Zusammenarbeit mit ihren pädagogischen Vorstellungen: "Unsere Kinder haben alle ohne Ausnahme großes Interesse am Orchester, und wir Erwachsenen wünschen uns sehr, daß sie von klein auf erfahren, was Musik ist, sich für sie interessieren, Gefallen an ihr finden....Ich möchte gern, daß so ein Märchen die Kinder in fesselnder, verständlicher Form mit den Instrumenten bekanntmacht, die zu einem Sinfonieorchester gehören, also Erkenntniswert besitzt."
Nachdem Prokofjew der Text der beauftragten Librettistin Nina Saksonskaja nicht zusagte, entschloß er sich kurzerhand, die Geschichte selbst zu schreiben. Über den pädagogischen Ansatz gibt er im Vorwort Auskunft. "Jede handelnde Person dieses Märchens ist im Orchester durch ein Instrument oder mehrere vertreten: das Vögelchen durch die Flöte, die Ente durch die Oboe, die Katze durch die Klarinette im tiefen Register (staccato), der Großvater durch das Fagott, der Wolf durch Waldhornakkorde, Peter durch eine Streichergruppe, die Schüsse der Jäger durch Pauken und eine große Trommel. Es ist angebracht, den Kindern diese Instrumente von der Aufführung zu zeigen und ihnen die Leitmotive vorzuspielen. Auf diese Weise lernen sie ohne jede Anstrengung während der Aufführung eine ganze Reihe von Orchesterinstrumenten zu unterscheiden." Der Erfolg der Komposition liegt zum einen in der gelungenen Kombination von Klangfarben der Instrumente und den darzustellenden Charakteren. Zum anderen konzipiert Prokofjew die Handlung als dreiteilige Form, die er entsprechend musikalisch umsetzen kann. Der erste Teil führt die einzelnen Protagonisten ein, der zweite Teil dramatisiert die Entwicklung (Jagd der Ente und Einfangen des Wolfes), wobei sich die Themen verändern. Der dritte Teil läßt abschließend im Siegeszug nochmals alle Gestalten des Märchens vorüberziehen.
Mit den "Bremer Stadtmusikanten" wählt der Komponist Jörg Iwer ein Märchen, das schon durch seinen Handlungsablauf zum Vertonen aufruft. Dabei sind mit Esel, Hund, Katze und Hahn ebenfalls unterschiedliche Charaktere vorhanden, die als musikalische Bilder den Kindern Orientierungshilfen beim Hören ermöglichen. Darüber hinaus wird hier auch der ideelle Gehalt von Musik thematisiert. Die Musik bildet eine Gemeinschaft, deren Solidarität das Böse in die Flucht schlägt. In dieser Fiktion schwingt der emanzipatorische Charakter von Musik mit, der einfordert, daß Musik mehr ist als ein Medium der Unterhaltung. Den tieferen Sinn von Kunst beschreibt Th. W. Adorno treffend mit den Worten: "Menschen können an authentischen künstlerischen Gebilden der Möglichkeit dessen inne werden, was mehr ist als die bloße Existenz, die sie führen, mehr als die Ordnung der Welt, auf die sie eingeschworen sind." Mit diesem Verständnis von Kunst ist Musik für Kinder mehr als sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Es kann den Kindern die Sinne schärfen, die es ihnen als Erwachsene ermöglicht, kritisch zu sein, um gegen unsere Leistungsgesellschaft zu opponieren.
(Carsten Bock, Hamburg)