Wenn Kinder ein Buch vorgelesen bekommen, scheinen sie ihre Umgebung kaum noch wahrzunehmen. Ist die Fantasie einmal angeregt, tauchen ihre Gedanken tief in die Handlung ein. Einen besonderen Reiz besitzen dabei noch immer die klassischen Märchen. Die eigentümliche Atmosphäre dieser Geschichten führt die Kinder in unbekannte Welten, die fern der Realität zu stehen scheinen. Dabei hilft die einfache Darstellung und das Auftreten typischer Charaktere den Kindern, die Handlung zu verfolgen. Mit der klaren Gegenüberstellung von "Gut und Böse" werden die Kinder mit grundlegenden menschlichen Ängsten und Nöten konfrontiert. Die Identifikation mit den Helden ermöglicht es den Kindern, sich mit der Bandbreite des menschlichen Daseins auseinanderzusetzen.
Das Vorlesen von Geschichten fördert eine weitere wichtige Fertigkeit, die vor allem im Bereich der Musik von Bedeutung ist: das Zuhören. Sich auf eine Geschichte einlassen oder Musik zu hören, erfordert ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Gerade die Musik bietet in Verbindung mit Tanz und Bewegung die Gelegenheit, die Konzentration auf eine Sache zu richten. Unterstützt wird dieser Aspekt durch den Umstand, dass Musik die Fähigkeit besitzt, die Gefühle der Kinder zu stimulieren. So ist es eigentlich nicht weiter erstaunlich, dass der Hamburger Komponist Wolfgang Söring die Welt der Märchen und den Ausdrucksgehalt der Musik zu musikalischen Märchen kombiniert. Während der Erzähler den Verlauf der Geschichte vorantreibt, kann die Musik auf die Emotionen der Handlung reagieren. Somit wird die Aufmerksamkeit der Kinder gefördert und die Fantasie in besonderer Weise angeregt.
Das Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten" ist aus zwei Gründen mustergültig für die Kombination von Wort und Musik geeignet. Zum einen ist dort die Musik selbst in der Handlung thematisiert und zum anderen bieten die unterschiedlichen Figuren der Tiere einen hervorragenden Rahmen für die musikalische Gestaltung. So fühlt der Zuhörer mit, wenn der Esel unter seiner Last leidet, der Hund von seinem Herrn erschlagen werden soll, die Katze lieber müde hinterm Ofen liegen möchte und der Hahn im Kochtopf landen soll. Beim “Rumpelstilzchen” wird der Verlauf der Geschichte nicht so sehr durch die Handlung der Figuren geprägt. Vielmehr arbeitet dieses Märchen mit Habgier, Macht, Ohnmacht und Hoffnung, die auf eine tiefere Bedeutungsebene zielen. Deren musikalische Umsetzung stellt für den Komponisten eine besondere Herausforderung dar, die nebenbei auch mehr Freiheiten in der musikalischen Gestaltung eröffnet. Damit wird natürlich auch der Zuhörer in einer besonderen Weise gefordert, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen.
Vorlesen von Büchern und Hören von Musik soll Kindern in erster Linie Spaß machen. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass es nicht allein um Unterhaltung geht. Die Kinder entdecken dabei neue Welten, die sie für ihre Entwicklung benötigen. Insofern ist es nicht unwichtig, zwischen qualitativer Unterhaltung und kommerzieller Berieselung zu unterscheiden. Wie heißt schon das Sprichwort aus alten Zeiten: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr".