Osterprojekt 2016


Programm:
M. Ravel: Daphnis & Chloé
I. Strawinsky:
Petrushka

Konzerte:
Do., 31.03.
, 19.00 Uhr, Uwe-Brauns-Halle Hambergen
Fr., 01.04., 20.00 Uhr, Glocke Bremen
Sa., 02.04., 20.00 Uhr, Lutherkirche Leer
So., 03.04., 16.00 Uhr, Gutsscheune Varrel/Stuhr


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Neue Musik für ein neues Russisches Ballett in Paris

Kaum eine Persönlichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte einen so großen Einfluss auf die Musik, ja auf die Künste überhaupt, wie Sergej Diaghilew. Er war noch nicht einmal Künstler, geschweige denn Musiker, sondern betätigte sich als umtriebiger Impresario und Manager. Zunächst in Russland tätig, wurde zunehmend Paris zum Mittelpunkt seiner Tätigkeiten. Im Ballett, jener Gattung, die in Russland wie in Frankreich gleichermaßen wie kaum eine andere vom Publikum geliebt wurde, fand er die ideale Form, um die talentiertesten Musiker, Tänzer, Choreographen, Maler und Literaten für seine Ideen einer neuen Kunst zu begeistern und ein Podium zu schaffen, diese Ideen zu verwirklichen. „Làrt pour lárt“ lautete die ausgegebene Parole, Kunst um ihrer selbst willen, in ganz bewusster Unabhängigkeit von politischen Bezügen. Im Mittelpunkt: die 1909 gegründeten „Ballets russes“, mit denen er in Paris, Rom, London oder Monte Carlo aufsehenerregende Erfolge feierte.
Zu Balletten der ersten Stunde zählen Maurice Ravels „Daphnis et Chloé“ und „Petruschka“ des jungen, damals noch völlig unbekannten Igor Strawinsky, dessen außergewöhnliches Talent Diaghilew entdeckte. Beide Ballette wurden innerhalb weniger Monate 1911 und 1912 in Paris uraufgeführt.

Die Künste am Anfang des 20. Jahrhunderts, sie waren revolutionär, sie suchten nach dem Neuen, nach der Loslösung auch von der Gefühlsseligkeit des 19. Jahrhunderts. „Glotzt nicht so romantisch“, fasste es Bertold Brecht zusammen. Komponisten wie Ravel, Bartok, Schönberg oder Strawinsky suchten nach musikalischen Wegen, der übermächtigen Romantik zu entkommen.

Während Arnold Schönberg sich daran machte, die Gravitation der tonalen Bindungen aufzuheben, suchte Igor Strawinsky einen anderen Anti-Romantik-Weg: Er benutzt die alten Tonarten, packt sie aber übereinander, er nutzt ein Streichorchester, setzt es aber als schroffes Schlagzeug ein, ja emanzipiert überhaupt den Rhythmus, wechselt freilich ständig den Takt und steigert den Rhythmus geradezu ins Orgiastische, wie in seinem Ballett „Le Sacre de Printemps“. Die Aufführung dieses Stückes 1913 in Paris wird zu einem der größten Musikskandale – und (natürlich) zur größten Ruhmestat Igor Strawinskys. Aber schon zuvor hatten die Ballette „Der Feuervogel“ und „Petruschka“ den jungen ungestümen Komponisten mit einem Schlag berühmt gemacht.

Bereits „Petruschka“ lud Strawinsky mit einer Energie und Dynamik auf, die es auf der Ballettbühne so noch nicht gegeben hatte. Bezeichnend ist der Urgedanke Strawinskys zu diesem Werk, das er sich als eine Burleske für Klavier und Orchester vorstellte: „In meiner allerersten Vorstellung sah ich einen langhaarigen Mann im Abendanzug: das romantische Bild des Musikers oder Dichters. Dieser setzte sich ans Klavier und wütete zusammenhanglos auf den Tasten, während das Orchester mit leidenschaftlichen Protestausbrüchen und akustischen Fausthieben antwortete“. Daraus wurde schließlich die Vision „einer Gliederpuppe, die plötzlich Leben gewinnt und durch das teuflische Arpeggio ihrer Sprünge die Geduld des Orchesters so sehr erschöpft, dass es sie mit Fanfaren bedroht. Es entsteht ein schrecklicher Wirrwarr, der auf seinem Höhepunkt mit dem schmerzlich klagenden Zusammenbruch des armen Hampelmanns endet“. Petruschka sollte er heißen, jener russische Kasperl, der „der ewig unglückliche Held aller Jahrmärkte in allen Ländern“ ist. Das Ballett gliedert sich in vier Bilder:
Bild 1: Ein Zauberer auf einem Jahrmarkt erweckt Petruschka, einen Mohren und eine Ballerina zum Leben. Der Flirt des Mohren mit der Ballerina erweckt die Eifersucht Petruschkas.
Bild 2: Petruschka wirbt um die Ballerina. Diese flieht erschrocken.
Bild 3: Beim Mohren, der mit der Ballerina tanzt. Petruschka protestiert und bekommt prompt die Quittung.
Bild 4: Wieder auf dem Jahrmarkt. Petruschka wird vom Mohren verfolgt und - ermordet. Der Geist Petruschkas erscheint und macht sich über alle lustig.

Die kurze Zirkuspolka entstand 30 Jahre später, 1942, im amerikanischen Exil, ebenfalls für eine Choreographie. Allerdings für eine ziemlich ungewöhnliche: Denn das Ballett wurde bei Strawinsky in Auftrag gegeben für die berühmte, aus fünfzig Tieren bestehende Elefantengruppe des Ringling Brothers & Barnum & Bailey Circus! Ein Riesenerfolg für den Zirkus, der die Elefantennummer 424 Mal aufführte! Strawinsky selbst bezeichnete die Komposition als eine Satire und bleibt seinem charakteristischen, von zahlreichen Rhythmuswechseln geprägten Stil treu, der kaum etwas mit dem polnischen Tanz zu tun hat. Erst ganz zum Schluss erklingt so etwas wie eine Polka.

"Diesen Leuten kommt es wohl nie in den Sinn, dass ich von Natur aus künstlich sein könnte". Gerade einmal einen Meter achtundfünfzig maß er, er war hypersensibel und scheu, und die Angst, sein Innerstes erkennen geben zu müssen, verfolgte ihn das ganze Leben. Maurice Ravel erfand unzählige Masken, hinter denen er mit seinem Umfeld und mit der Ästhetik der Jahrhundertwende ein unaufhörliches Spiel spielte. Seine Musik gibt sich fein, gibt sich ironisch und fragil; sie ist im damaligen Sinne modern und doch knüpft sie bewusst an die Tradition an. Was Ravel mit seiner Musik sagt, ist nicht immer leicht und kaum eindeutig festzulegen.

Mehrere Masken hat auch sein "Daphnis et Chloé", das auf einem antiken Hirtenroman aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. fußt. Doch Ravel geht es nicht um ein archaisches Abbild des antiken Griechenland, sondern um eine traumhaft paradiesische Idealgestalt in Form eines „musikalischen Freskogemäldes“. Es wird seine größte und reichste Orchesterpartitur mit einer Instrumentierung, wie sie nie zuvor zu hören war. Strawinsky schwärmte von ihr als eine „der schönsten Produkte in der gesamten französischen Musik“. Als Konzertversion stellte Ravel zwei Suiten aus dem Ballett zusammen.
Der Stoff handelt von Daphnis, der von Nymphen getröstet, um seine von Seeräubern entführten Chloé bangt, bis dem Gott Pan es gelingt , die Räuber, Chloé zurücklassend, mit Satyrn und Fabelwesen zu verjagen. Die 2. Suite schildert im 1. Satz den Tagesanbruch nach der Flucht der Piraten (“Lever du jour“), im 2. Satz das von Daphnis und Chloé als „Pantomime“ dargestellte Werben Pans um die Nymphe Syrinx – denn die Erinnerung an diese Liebesabenteuer veranlasste Pan, Daphnis zu helfen –, und endet mit der „Danse générale“, dem orgiastisch grandiosen Schlusstanz des Balletts.

(Dr. Ulrich Matyl)


Impressoinen aus den Proben

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Uwe-Brauns-Halle Hambergen 31.03.2016

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Glocke Bremen, 01.04.2016

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